Blogparade: Das Internet wird morgen abgeschaltet!

Erwartete Lesedauer: 6 Minuten

Schreibt noch schnell ein letztes Mail!

Der Titel meines heutigen Artikels “das Internet wird abgeschaltet – und zwar morgen!” ist zugegebenermaßen etwas plakativ. Ich möchte damit an der Blogparade von Companypirate teilnehmen. Der Fokus von Companypirate liegt auf Themen rund um Unternehmen und die offene Fragestellung der Blogparade lautete: “Was wäre wenn?”. Daraus wird bei mir nun: “Was wäre wenn das Internet morgen abgeschaltet wird?”. Das ist so hoffe ich zumindest kein unmittelbares Zukunftsszenario, möglich ist es aber dennoch.

Kann man das Internet überhaupt abschalten?

Technisch bzw. organisatorisch ist dies definitiv möglich. Beispiele dazu finden sich in kleinerem Maßstab im arabischen Frühling und all seinen Nachfolgekonflikten, im Irak, in China, in Russland usw. Bei diesen lokalen Abschaltungen darf man aber nicht an den geheimen roten Knopf denken. Vielmehr handelt es sich um bewusst gesteuerte Konfigurationen der entsprechenden Infrastruktur.

Man kann das Internet abschalten, sei es aus politischen Gründen und dadurch meist auf einzelne Regionen beschränkt oder durch gezielte Angriffe auf die kritische Infrastruktur des Internets selbst. Aktuell besteht das Internet aus ca. 350 Knotenpunkten die den Austausch zwischen den Teilnetzen und Providern darstellen. Manche davon sind wichtiger bzw. stärker als andere und dementsprechend für einen forcierten Internetausfall interessanter (Knoten Frankfurt)

Da dies aber nicht Inhalt dieser Blogparade ist beende ich meine Ausführungen dazu auch schon.

Was wäre wenn mein Unternehmen kein Internet hat?

Erster Anruf beim IT-Helpdesk: “Ich kann keine Mails versenden!”

Ruf den Helpdesk an

Sehen wir uns das doch an meinem Beispiel genauer an: Täglich erreichen mich beruflich nach dem Durchlaufen der diversen Filtersysteme zwischen 25 und 50 Mails. Umgekehrt verfasse ich zwischen 10 und 30 Mails täglich. An einem 9 Stunden Tag bedeutet das Mailprogramm also eine Ablenkung durchschnittlich alle 10 Minuten. Es fällt deshalb auch schnell auf wenn sich an dieser Stelle nichts mehr dreht.

Wie sinnvoll sind aber diese 25 – 50 Mails bzw. auch meine Antworten darauf?

Ist es wirklich notwendig all das zu erhalten oder aber auch zu antworten?

Seit meinen Zeiten mit dem Netscape Communicator, den ich vermutlich ab ca. 1997 verwendet habe, sind Mails für mich nicht wegzudenken. Zum heutigen Tag habe ich etwa 40 Mailadressen die für diverse Themen oder auch Webseiten verwendet werden sowie noch den regelmäßigen Einsatz von einmaligen Wegwerfmailadressen (Beispieldienste Trash-Mail, SpoofMail).

Man könnte nun also meinen, Mails gehören zu meinem Leben wie regelmäßig zu Essen. Tatsächlich ist es aber eher so, dass ich das Essen ab und zu vergesse oder bewusst auslasse. Bei meiner Art der Kommunikation in der Mail wesentlich wichtiger als Telefonate sind könnte mir das nicht passieren. Kein Mail = Katastrophe. Asynchrone Kommunikation in der ich nicht auf die Live Anwesenheit des Gegenübers angewiesen bin ist mir extrem wichtig.

Dabei ist es vollkommen egal die oben gestellte Frage nach der Sinnhaftigkeit der Mailinhalte zu fragen. Es herrscht das Prinzip “Muss ich haben!” vor.

Kein Mailempfang oder Mailversand möglich

Wie soll mein Unternehmen nun ohne Mails auskommen? Der einzige Trost bei diesem Szenario ist die Tatsache, dass es bei Abschaltung meinem Unternehmen nicht schlechter geht als anderen Unternehmen. Klar, gibts es MPLS Verbindungen zwischen den einzelnen Standorten und diese und jene Tools die weitere Kommunikation ermöglichen. Dennoch gehe ich davon aus, dass wir nur noch innerhalb unserer eigenen Infrastruktur kommunizieren könnten und dank eingesetzter onpremise Lösungen die Probleme erst nach der Firewall auftreten.

Funktionieren die Multifunktionsdrucker wirklich wie ein natives Faxgerät oder emulieren diese Geräte nur die Nutzung einer analogen Datenleitung?

Müsste man eventuell die alten Faxgeräte wieder rausholen?

Zur Lösung dieses Maildilemmas muss man vermutlich einen Schritt zurück machen.

Wie kommunizierten Unternehmen 1990?

Es wurde viel gefaxt und Briefe geschrieben. Angebote wurden gelegt, zwei oder drei Tage später geöffnet, telefonisch besprochen und möglicherweise nachgebessert. Irgendwann kam die Angebotsannahme usw.. Bei damaliger Infrastruktur nichts außergewöhnliches und da jeder an diese Prozesse gewöhnt war, war das keine große Sache. Es war auch nicht langsam – immerhin sind Telefon und Fax ja auch so etwas wie “live”.

Würde nun ein voll digitalisiertes Technologieunternehmen wie meines auf Mails verzichten müssen wären vermutlich 90% der Abläufe und Prozesse betroffen. Die dafür im Einsatz befindliche Hochtechnologie an Clients, Servern, Switches usw. würde bereits einiges an Daseinsberechtigung verlieren. Deshalb kommen wir zu Stufe zwei – schließlich ist doch das Internet ausgefallen und nicht nur der Maildienst.

Zweiter Anruf beim IT-Helpdesk: “Ich kann keine Webseiten aufrufen!”

Die Firmenseite, die Internetauftritte der Konkurrenz, Suchmaschinen, Cloud Lösungen, Webtools, Foren und Blogs, alles was uns lieb und teuer ist, ist nun unerreichbar. Im Gegensatz zum Maildienst der uns vorerst nur die Kommunikation erschwert und verlangsamt, bedeutet keine Webdienste aufrufen zu können, einen noch massiveren Einschnitt in die Produktivität.

  • Alle Bücher wurden aus Platz- und Komfortgründen digitalisiert.
  • Lexika finden sich weder im Bücherregal noch im digitalen Archiv – dafür habe ich doch Suchmaschinen!
  • Die gesamte Musik liegt beim favorisierten Streamingdienst.
  • Das Projekt an dem man gemeinsam mit den Kollegen anderer Standorte gearbeitet hat kann nicht mehr erreicht werden.
  • Die Fotos für diverse Veröffentlichungen und das Firmenmagazin liegen in der Cloud und bleiben dort auch.

Kurzum, die Firma wird vom zweiten Schlag erreicht und kann nun nur noch erschwert kommunizieren aber auch nur sehr eingeschränkt der eigentlichen Tätigkeit nachgehen. Der eigene Grad der Digitalisierung ist zu hoch. Lediglich die Dokumente innerhalb der Aufbewahrungspflicht von sieben Jahren und noch ein paar Archive darüber hinaus stehen in analoger Form zur Verfügung.

Dritter Anruf beim IT-Helpdesk: “Die Leitung ist besetzt, ich komme nicht durch.”

Da Dienste wie Skype for Business nicht mehr funktionieren ist der Helpdesk auf die analoge Telefonanlage und die 2 ISDN Zuleitungen dazu angewiesen. Zweimal ISDN bedeutet es können vier Telefonate gleichzeitig geführt werden, wir müssen also warten bis eine davon frei wird.

Vierter Anruf bei den Kollegen an anderen Standorten: “Manche sind erreichbar, andere nicht.”

Wir sind nicht erreichbar

Kleinere Stromversorger deren Fernwartungen auf das Internet angewiesen sind fallen aus. Die großen Stromversorger versuchen das Stromnetz unter Kontrolle zu halten. Die ETH Zürich hat berechnet, dass das gesamte Internet 2012 etwa 900 TWh Strom verbraucht hat. Da dies für digitale Zeiten ewig zurück liegt und auch Stromfresser wie Bitcoin noch kein Thema waren, darf man getrost von einem Faktor von 2,5-3 für das Jahr 2018 ausgehen. Ich behaupte somit die Abschaltung des Internets belastet die Stromnetze mit überschüssiger Energie in der Höhe von ca. 2.500 TWh. Da für die Koordinierung der Stromnetze ein sehr hohes Maß an sehr schneller Kommunikation notwendig ist, werden nicht alle Backupsysteme damit umgehen können. Durch den Zusammenbruch von Teilnetzen und kleiner Anbieter verschärft sich das Problem im Sekundentakt. Weitere Stromnetze brechen weg und somit auch Fax und Co.. Die sinkende Anzahl an Stromnetzen muss mit der Überkapazität auf immer weniger funktionierenden Leitungen klarkommen weshalb sich der Ausfall beschleunigt.

Die Mobilfunknetze sind neben Analogtelefonen das einzig verbliebene Echtzeitmedium. Der große Ansturm belastet die Netze zu stark weshalb auch hier zuerst kleine Anbieter mit schwachen Infrastrukturen ausfallen sofern den am jeweiligen Sendemast noch Strom ankommt.

Meeting beim Chef: “Geht nach Hause, hier gibt es für euch momentan nichts zu tun.”

Hilflos dem Ausfall des gesamten Internets ausgeliefert bleibt aktuell nur die Möglichkeit nach Hause zu fahren. Am Heimweg wird noch schnell getankt, da ohne Strom kein Sprit mehr aus der Zapfsäule kommen wird und durch den Kommunikationsausfall auch keine Nachlieferung passieren wird.

Ich merke hier, dass ich wohl schon spät dran bin. Die Schlange vor der Tankstelle ist sehr lang, allerdings kürzer als vor dem Supermarkt. Die Leute laden sich die Autos bis unters Dach voll und für die die später gekommen sind wie mich erscheint auch das Sortiment an Haribo Artikeln als mögliches Mittagessen in den nächsten Tagen.

Bargeld wollte ich noch holen, kann ich nun aber auch vergessen. Der erste Bankomat an dem ich vorbeikomme ist bereits leergeräumt. Der zweite Bankomat hat keinen Strom mehr. Vielleicht kann ich ja anfangen etwas zu tauschen oder anschreiben zu lassen. Außer den 10 EUR in der Brieftasche habe ich nämlich nur noch die kleine Wechselgeld Dose zuhause.

Fazit zum Thema was wäre wenn…. “Das Internet wird abgeschaltet”

Ohne Internet geht gar nichts mehr. Es ist uns auch nicht möglich die Zeit zurückzudrehen und so zu tun als wären wir in 1990. Digitalisierung gibt es nicht nur heute als Diskussionsgrundlage, sie hat schon vor langem in anderer Form begonnen.

Es gibt die damaligen Prozesse und Vorgehensweisen schlichtweg nicht mehr und die damalige Infrastruktur wurde schon lange ausgemustert und verschrottet. Meine berufliche Tätigkeit als IT-Projektmanager ist ohne Internet obsolet. Es handelt sich allerdings um mein geringstes Problem an solch einem Tag. Faktisch werden wir uns ganz schnell wieder mit den unteren Stufen der Maslowschen Bedürfnishierachie befassen da der Wegfall der Kommunikation und darauf folgend von Strom einen sehr dynamischen Prozess in Gang setzen wird.

Für Unternehmen bedeutet ein mehrtägiger Internet-Ausfall (oder eine Internetabschaltung) deshalb sehr schnell kompletten Stillstand und letztlich Anarchie. Natürlich habe ich hier ein sehr düsteres Szenario beschrieben, wir dürfen uns aber nicht in der falschen Sicherheit wiegen, dass so ein Fall nie eintreten könne. Aufgrund politischer Wirrungen können auch wir sehr schnell ein Spielball der Gezeiten und von Entscheidungen psychisch labiler Entscheidungsträger in diversen Weltmächten, Ex-Weltmächten oder Schwellenländern werden.

Da das Thema der Blogparade “Was wäre wenn,…” sehr offen gestaltet war habe ich mich für diese Art von Beitrag entschieden. Tatsächlich habe ich nur eine sehr sehr kleine Perspektive dessen beschrieben was an dem Tag an dem das Internet abgeschaltet wird passiert. Ich könnte noch viel zum Thema smarter Haussteuerung, Elektroauto, Streamingdiensten usw. schreiben, ich würde dabei aber wohl kein Ende finden.

Ohne die Angst schüren zu wollen oder als Untergangsfanatiker dastehen zu wollen rate ich euch dennoch für den Fall der Fälle gerüstet zu sein. Vorräte im Umfang von 2-3 Tagen zu haben ist nicht schwer und benötigt nicht mehr Platz als ein großer Karton. Anleitungen dafür findet man im Netz zuhauf. Abraten würde ich euch dabei von diversen “Prepper” Seiten. Nehmt euch einfach so eine Liste und denkt mit Hausverstand darüber und eure eigenen Bedürfnisse nach.

 

Wie ist eure Meinung zum Thema Abschaltung des Internets? Würdet ihr es als Befreiungsschlag oder einen Rückschritt in die Steinzeit empfinden? Teilt mir eure Meinung gerne in den Kommentaren mit.

 

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Stefan

Ich bin Geek, Digitalnomade, Blogger, IT-Techniker, IT-Projektleiter, Denker, Weltverbesserer, Kritiker, Analytiker, Datenschützer, Lego verliebt, Vater, neugierig. Think first!

6 Comments

  1. Lieber Stefan,

    vielen Dank für deinen spannenden Beitrag. Auch wenn ich die Zeit geniesse wenn ich mal offline bin, so mache ich das lieber selbstbestimmt und temporär. Zu signifikant sind die Vorteile einer vernetzten Welt, die ich nicht mehr missen möchte.
    Arbeiten wir gemeinsam daran, dass dies so bleibt!

    Gruss,
    Tobias

  2. Hallo Stefan,

    auch von meiner Seite nun noch einmal vielen Dank für Deinen Beitrag zu unserer Blogparade. Ich muss gestehen, in der letzten Konsequenz, wie du sie beschrieben hast, war mir nicht bewusst, wie unverzichtbar das Internet geworden ist. Das “Kein-Strom-Szenario” wurde ja schon oft beschrieben und das zumeist skizzierte daraus resultierende Chaos ist intuitiv zumindest nicht überraschend. Dass der Ausfalls des Internets eine ähnlich verheerende Wirkung hätte, ist glaube ich nicht so offensichtlich und wurde hier schön beleuchtet.

    Ein Grund mehr sich ein wenig zurückzubesinnen, auf die Werte, die einem wichtig sind. Könnte man eigentlich (zumindest nach einer Anpassungsphase) wieder ohne Internet leben? Ich habe kürzlich einen kleinen Zukunftsblick gewagt (http://futureproofworld.com/zukunftsblick-zukunft-positiv-gestalten/). Das Internet hat da eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Aber das muss ich mir wohl tatsächlich noch einmal im Detail durchdenken.

    Vielen Dank in jedem Fall für die Inspiration und beste Grüße,
    Gregor.

    • Hallo Gregor

      Danke für deinen Beitrag. Eigentlich wollte ich gar nicht in die Endzeitecke abdriften – es hat sich beim Schreiben eben so ergeben ;-). Leben ohne Internet ist sicherlich ein spannender Selbstversuch. Unter dem Titel Digitalfasten gibt es Rückzugsorte wie Klöster und dergleichen die darauf eine Geschäftsmodell aufgebaut haben. Das Buch von Tim Ferris kenne ich – die Botschaft ist klar, bei der Umsetzung davon sehe ich, scheinbar ähnlich wie du, ernsthafte Probleme. Dein Artikel gefällt mir sehr gut, die Auflistung ist sehr schön zusammengestellt und verlinkt. New Work ist mir als Begriff auf Twitter in den letzten Wochen mehrfach untergekommen, “die Lösung” dazu fand ich dort allerdings noch nicht. Deinen Blog muss ich mir jedenfalls genauer ansehen, wenn die anderen Artikel ähnlich gut sind musst du unbedingt auf meine Leseliste 🙂

  3. Hallo Tobias, Ich bin sehr gerne bereit weiterhin meinen Beitrag zu einer vernetzten Welt zu leisten. Dennoch würde ich mir für meine Söhne ab und zu eine Kindheit wie meine eigene wünschen. Vollkommen offline im Wald oder sonstwo draußen zu spielen mit der einzigen Bedingung um 18 Uhr zuhause zu sein.

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